Orla Wolf
Orla Wolf

COSMIC WEB

 

Ich folge einer Spur.

Sie ist aus Strandgut und Algen.

Dann stehe ich vor einem Haus.

Es ist weiß und strahlt Kühle aus

(es könnte aus Schnee sein).

 

Innen ist es ganz leer – leerer als leer –

ein weißes Nichts.

 

Ich spüre ein Vakuum,

das sich auch meiner bemächtigt.

 

Ich muss etwas denken –

in diesen Raum hinein, damit er sich füllt.

 

Und ich denke diesen Gedanken.

 

Ich sehe eine Liege, Kabel und Aufzeichnungsgeräte.

Das ist ein Schlaflabor. Hier liege ich –

und lausche den Klängen einer roten Uhr.

 

Meine Augen sind geschlossen.

Langsam lasse ich Wasser wachsen –

wie eine Säule steigt es auf –

bis es die Satelliten berührt –

dann auch die Sterne.

 

Ich spüre die Wechselströme

zwischen Wasser und Orion.

Auch ist da eine planetarische Spannung –

sie geht von den Eisriesen aus - Uranus und Neptun.

 

Ich öffne die Augen und blicke hinüber zur Uhr.

Ihr Zifferblatt ist verschwunden.

Dort, wo es war, erscheint jetzt eine Leuchtschrift.

 

Und ich lese: LOST IN SPACE

 

 

Aus: Wanderung im Holozän. Gedichte & Fotografien, Wien 2019

Kulisse (2)

 

Ich suche etwas.

Ich suche etwas in einzelnen Bewegungen.

Das ist neu.

 

In den Wäldern bemerke ich heute eine Strömung, 

die von Blättern und Ästen ausgeht.

So bilden sich Schneisen für meinen Blick,

der jetzt einzelne Tiere erreicht.

 

Mich interessiert, wie sich ihre Lippen bewegen,

(weniger, von was sie sprechen) –

und ihre Münder könnten Türen sein,

die mich in Nächte führen.

 

Es sind unterschiedliche Spielarten der Nacht, die ich betrete –

jede spricht ihre eigene Sprache.

In einer höre ich mich über Schnee laufen –

mit doppeltem Klang.

 

In einer anderen bin ich ein Wald, der in sich verweilt –

vertieft in ein Zwiegespräch mit sich selbst.

So sitze ich als Lorbeer im Lorbeer –

und betrachte die knorrigen Stämme ringsum.

Sie erinnern mich an geträumte Gesichter,

die ich in anderen Nächten sah.

 

Auch diese Münder bewegen sich.

Und ich sehe, dass sich etwas kreuzt in ihnen:

Stille und eine Zeitansage.

 

Es ist jetzt fünf Uhr.

Und mit langsamen Bewegungen gehe ich auf die Zeit zu.

Auch sie bewegt sich.

Vielleicht flieht sie. Vielleicht hält sie stand.

 

 

Aus: Wanderung im Holozän. Gedichte & Fotografien, Wien 2019

Amorphes Wachstum

 

Was ich von außen sah: Ich stand hinter dem Fenster. Und legte die Schablonen an. Das tat ich bei allen Türen. Wänden. Und Fenstern. Da gab es Symmetrien. Das ließ mich ruhiger werden. Dann stand ich lange an der Fensterbank. Und beobachtete die Ameisen, die ich mir dort hielt. In meinem Kopf prägte ich mir ihre Bahnen ein. Die sie liefen. Ich ging zu meiner Kommode. Es war schon dunkel im Raum. Als ich sie öffnete, hörte ich die Brandung. Aus dem Süden des Landes. Die langsam in ein Freizeichen überging. Ich stellte eine Verbindung her. In meinem Kopf. Und fragte die Kurse ab. Ich hatte gute Gewinne erzielt. Mit meinem Unternehmen. Das expandierte. Es ging zügig voran. Und ich würde die Ostküste bereits am nächsten Dienstag erreichen. Dann malte ich Quadrate. Auf den Fußboden. Setzte an. Löste die Schrauben. Und nahm die Festplatten heraus. Gleich werde ich durch nächtliche Straßen laufen. Bei meiner Rückkehr einen Spiegel zerschlagen. Dahinter wird sich ein Raum auftun. Angefüllt mit Vögeln. Vielen Vögeln. Es werden immer mehr. Jetzt, wo das Licht hier anders wird.

 

Aus: Unter Insekten. Kurzprosa. Edition Hammer + Veilchen. Hamburg 2016

Basalt

 

Ich schlage Steine auf. Täglich. Und das schon seit Jahren. Eigentlich sollte ich längst umgezogen sein. In einen Steinbruch, ins Gebirge oder wenigstens in eine Kiesgrube. Ich bin aber hier geblieben. An meiner Straßenkreuzung. Hier sitze ich. Und nehme, was kommt. Die Steine, die die Leute mir vorbeibringen. Hinter mir ist eine Geröllhalde. Fast der ganze nördliche Bezirk ist darunter verschwunden. Zuerst war es der Gehweg. Dann die Vorgärten. Die Häuser. Die Siedlung. In ein paar Tagen der ganze Bezirk. Anfangs machte man sich noch die Mühe, das Geröll zu entfernen, die Steinhaufen abzutransportieren. Seither wächst  mein Steinmeer. Und ich baue weiter. An meinem kantigen Rand der Welt.

 

Aus: Unter Insekten. Kurzprosa. Edition Hammer + Veilchen. Hamburg 2016

Elemente

 

Ich lebe in einem Wasserwerk. Und arbeite als Synchronsprecher. Meistens trage ich Schwimmflügel. Manchmal auch einen Bleigurt. Hier gibt es nur ein einziges Blau. Aber ja doch. Das finde ich sehr ausgefallen. Es kommen oft Menschen vorbei. Die sich synchronisieren lassen wollen. In ihrer eigenen Muttersprache. Einfach so. Oder auch zum besseren Verständnis. Einer vergangenen Situation. In der sie gerne etwas anders gesagt hätten. Rewind also. Als ich meine Tätigkeit aufnahm, habe ich mich oft versprochen. Und auch häufig verschluckt. Ich habe Fragen gestellt. Diese typischen Fragen eben. Aber nicht zugehört. Das spüren Sie dann. Heute ist das anders. Die Leute kennen mich von Fotos. „Ich kenne Sie von Fotos“, sagen sie dann. „Wenn das kein Grund ist, sich zu erinnern“, entgegne ich. Einiges ist schwer zu sagen. Und wiegt auch schwer. Wir tauchen dann ab. In einen Wortkelch. Und lauschen dem Unterwassergespräch. Wenn wir wieder an die Oberfläche kommen, ist es anders gesagt.

 

Aus: Unter Insekten. Kurzprosa. Edition Hammer + Veilchen. Hamburg 2016

Am 13.11.19 erscheint FLUCH’T’RAUM - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft - #6 - und wird um 19.30 h im Perinetkeller, Perinetgasse 1, 1200 Wien präsentiert. Das Magazin enthält Kurzprosa, Lyrik, Fotografien und Essays von Orla Wolf, Katharina Körting, Manuela Tomic, Sigune Schnabel, Sofie Steinfest, Miriam H. Auer und Pia Volk.

 

Coverfoto und Magazinfotos: Orla Wolf 

Lesung:

 

23. Oktober 2019, 20 Uhr.

Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23,

10719 Berlin.

 

Lesung mit Orla Wolf und sechs weiteren Autor*innen.

Veranstalter: Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS).

 

Neuerscheinung:

Wanderung im Holozän

Gedichte & Fotografien

von Orla Wolf

ISBN 978-3-903104-11-2

Wien | 2019

zuckerauge

Literaturblog von Orla Wolf

ISSN 2569-9458

www.zuckerauge.blogspot.com

© Orla Wolf

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