Orla Wolf
Orla Wolf

Amorphes Wachstum

 

Was ich von außen sah: Ich stand hinter dem Fenster. Und legte die Schablonen an. Das tat ich bei allen Türen. Wänden. Und Fenstern. Da gab es Symmetrien. Das ließ mich ruhiger werden. Dann stand ich lange an der Fensterbank. Und beobachtete die Ameisen, die ich mir dort hielt. In meinem Kopf prägte ich mir ihre Bahnen ein. Die sie liefen. Ich ging zu meiner Kommode. Es war schon dunkel im Raum. Als ich sie öffnete, hörte ich die Brandung. Aus dem Süden des Landes. Die langsam in ein Freizeichen überging. Ich stellte eine Verbindung her. In meinem Kopf. Und fragte die Kurse ab. Ich hatte gute Gewinne erzielt. Mit meinem Unternehmen. Das expandierte. Es ging zügig voran. Und ich würde die Ostküste bereits am nächsten Dienstag erreichen. Dann malte ich Quadrate. Auf den Fußboden. Setzte an. Löste die Schrauben. Und nahm die Festplatten heraus. Gleich werde ich durch nächtliche Straßen laufen. Bei meiner Rückkehr einen Spiegel zerschlagen. Dahinter wird sich ein Raum auftun. Angefüllt mit Vögeln. Vielen Vögeln. Es werden immer mehr. Jetzt, wo das Licht hier anders wird.

 

Orla Wolf: Unter Insekten. Kurzprosa. Edition Hammer + Veilchen. Hamburg, 2016

Basalt

 

Ich schlage Steine auf. Täglich. Und das schon seit Jahren. Eigentlich sollte ich längst umgezogen sein. In einen Steinbruch, ins Gebirge oder wenigstens in eine Kiesgrube. Ich bin aber hier geblieben. An meiner Straßenkreuzung. Hier sitze ich. Und nehme, was kommt. Die Steine, die die Leute mir vorbeibringen. Hinter mir ist eine Geröllhalde. Fast der ganze nördliche Bezirk ist darunter verschwunden. Zuerst war es der Gehweg. Dann die Vorgärten. Die Häuser. Die Siedlung. In ein paar Tagen der ganze Bezirk. Anfangs machte man sich noch die Mühe, das Geröll zu entfernen, die Steinhaufen abzutransportieren. Seither wächst  mein Steinmeer. Und ich baue weiter. An meinem kantigen Rand der Welt.

 

Orla Wolf: Unter Insekten. Kurzprosa. Edition Hammer + Veilchen. Hamburg, 2016

Elemente

 

Ich lebe in einem Wasserwerk. Und arbeite als Synchronsprecher. Meistens trage ich Schwimmflügel. Manchmal auch einen Bleigurt. Hier gibt es nur ein einziges Blau. Aber ja doch. Das finde ich sehr ausgefallen. Es kommen oft Menschen vorbei. Die sich synchronisieren lassen wollen. In ihrer eigenen Muttersprache. Einfach so. Oder auch zum besseren Verständnis. Einer vergangenen Situation. In der sie gerne etwas anders gesagt hätten. Rewind also. Als ich meine Tätigkeit aufnahm, habe ich mich oft versprochen. Und auch häufig verschluckt. Ich habe Fragen gestellt. Diese typischen Fragen eben. Aber nicht zugehört. Das spüren Sie dann. Heute ist das anders. Die Leute kennen mich von Fotos. „Ich kenne Sie von Fotos“, sagen sie dann. „Wenn das kein Grund ist, sich zu erinnern“, entgegne ich. Einiges ist schwer zu sagen. Und wiegt auch schwer. Wir tauchen dann ab. In einen Wortkelch. Und lauschen dem Unterwassergespräch. Wenn wir wieder an die Oberfläche kommen, ist es anders gesagt.

 

Orla Wolf: Unter Insekten. Kurzprosa. Edition Hammer + Veilchen. Hamburg, 2016

Logistik

 

In einer Echokammer sitzen.

Weißen Pelz tragen.

Kaufhausmusik hören.

Die schwarze Wand der Nacht abtragen.

Mit einem Faustkeil.

Material abtragen.

Spekulationsobjekte sammeln.

Eine Liste erstellen.

Über Entfernung.

 

Orla Wolf: Schwebende Architekturen. Gedichte & Fotografien. edition fza. Wien, 2015

                            telefunken

 

kiemen,

den atem zurückgefaltet

in eine lippenlose landschaft.

 

die war

und die nicht war.

 

ich höre,

wie ich höre:

jemand kippt einen raum in den mund.

 

oder wie es war,

was ich sehe:

eine dastehende kaltblütigkeit

in der haltung des vergangenen tags.

 

Orla Wolf: Schwebende Architekturen. Gedichte & Fotografien. edition fza. Wien, 2015

Rückschnitt der Baumkrone

 

Hinter einer atmenden Tür Gewebe vermuten:

Das brennt oder läuft.

Die Klinke herunterdrücken und

das Blatt aus dem Rahmen ziehen.

Einen spaltbreit Einsicht wagen:

Astwerk – deckenhoch.

Zurückweichen.

Eine Schere holen.

Einen Ansatz finden und

die Baumkrone zurückschneiden.

Darin ein Raupengesicht.

Schwarzäugig mit Scheibenmund.

Der sogleich in Bewegung gerät.

Murmelt.

Etwas von Lust murmelt.

Dann immer deutlicher wird:

Meine Lust gilt dem atonalen Gewitter.

Serieller Blitz & zwölftoniger Donner.

 

Orla Wolf: Schwebende Architekturen. Gedichte & Fotografien. edition fza. Wien, 2015

 

 

Neuerscheinung

am 31.10.2017:

 

Temporäre Zone

Gedichte & Fotografien

von Orla Wolf

 

Edition FZA

Wien | 2017

ISBN 978-3-903104-07-5

122 Seiten

 

Lesungen mit Orla Wolf:

 

13.10.2017, 19.30 Uhr

Literaturbüro München

Milchstraße 4

81667 München

 

06.11.2017, 19.00 Uhr

Lettrétage - Das junge Literaturhaus

Mehringdamm 61

10961 Berlin

 

05.12.2017, 19.30 Uhr

Literaturhaus Berlin

Fasanenstraße 23

10719 Berlin

 

zuckerauge

 

Literaturblog

von Orla Wolf

 

http://zuckerauge.blogspot.de

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